Mat am Dienstag, 9. März 2010

Ich habe gestern zum ersten Mal jemanden gesehen, der in einem chinesischen Restaurant mit Messer und Gabel gegessen hat. Normalerweise gehört das Messer in Küche, die Gabel gibt es gar nicht und mit Küchengeräten isst man nicht. Das wäre Esskultur. Ich frage mich manchmal nur, ob es wirklich Esskultur ist, wenn man versucht Schnitzel (diese gibt es durchaus in China) mit den Stäbchen zu essen. Das sieht bei den meisten genauso elegant aus, wie ein Hund, der aus dem Napf frisst.

Nun habe ich aber gestern jemanden gesehen, der mit Messer und Gabel gegessen hat. Nur scheint dieser Gabel und Messer teilweise zu vertauschen: denn was liegt näher, als mit dem Messerl das Essen auf die Gabel zu schieben und die Gabel zum Mund zu führen? Richtig: Mit der Gabel das Essen auf das messer zu schaufeln und mit dem messer zu Essen! Und als ich ihn so beobachtet und mich darüber wunderte, wie Chinesen essen, ist mir aufgefallen, dass ich den Mann schon einmal gesehen habe und er ein Vietnamese und gar kein Chinese ist. Das war wohl die Rache der Franzosen!

Guten Appetit!

Mat am Freitag, 5. März 2010

Die Fähre nach Korea war interessant. Man hat sehr gemerkt, dass normalerweise keine Ausländer mitfahren. Es war das erste mal, dass ich bei der Ausreise aus China die Departure-Card nicht selbst ausfüllen musste, weil die Grenzbeamten sich um mich sorgten. Auf der Fähre angekommen hat mich auch eine Bedienstete zu meinem Schlafplatz geführt, dass ich mich nicht verlaufe. Das war auch gut so, denn ich hätte wahrscheinlich schon verlaufen. Wir sind durch einen großen Saal gelaufen, der mehrere 10m² Flächen hatte, auf denen Matratzen verteilt lagen. Ein großer Schlafsaal. Ich hatte aber zum Glück ein Bett in der nächst höheren Klasse. Mehrere Gänge mit 2-Stockbetten auf beiden Seiten und Vorhang für das bisschen Privatssphäre. Weiter hinten gab es anscheinend noch Kabinen. Da die Fähre selten Ausländer gesehen hat und auch von einer „Kleinstadt“ kommt, war das Verhalten der Mitpassagiere auch recht chinesisch, d.h. es wurde munter von jedem 2. Handy Musik gespielt, Nudelsuppe geschlürft, danach Sonnenblumensamen geknackt und nach chinesischer Tradition die Schale auf den Boden fallen gelassen und hin und wieder aus tiefstem Rachen auf den Boden gespuckt. Zum Glück konnte man seine Schuhe unter dem Bett unterstellen. Nachdem dann alle im Bett waren, wanderte ich nochmal auf dem Schiff umher und fand einen erstaunlicherweise sehr ansprechenden Duschraum, bzw Baderaum, der mich quasi einlud nochmal eine richtig schöne heiße Dusche zu nehmen. Das war einfach wunderbar, nachdem ich in Dandong in der Wohnung keine wirkliche Möglichkeit hatte zu duschen und daher auf ne öffentliche Dusche zurückgreifen musste.

Am nächsten Morgen wurde ich sanft von den Spuckgeräuschen der Menschen geweckt, die ihre morgentliche Wäsche durchführten. Leider war der Waschraum zum Zähneputzen viel zu nah an meinem Bett, sodass ich ein feuchtfröhliches Spuckkonzert von 7 bis 9 miterleben durfte. Dieses Badezimmer hatte vor allem noch die Besonderheit, dass die Waschbeckenabflüsse nach einem Schlauch direkt auf dem Boden münden, sodass man das, was man eben im Ausguss verschwinden sah, kurz danach an seinen Füßen vorbeischwimmen sehen konnte. Ich war schon etwas glücklich, als ich in Incheon ankam, und als ich dann nach Südkorea eingereist war, überkam mich der Gedanke: „Oh mein Gott, du bist hier noch ein viel größerer Analphabet, als in China! Wie komm ich denn nun von hier aus zu einer U-Bahnstation?“ Die Lösung war ganz einfach: Vor dem Ausgang des Terminals gabs nur einen Buslinie, deren Endstation „Dongincheon“ ist, welche dem Bahnhof von Incheon entspricht und an das U-Bahnnetz von Seoul angeschlossen ist. Leider haben ein paar Linien in Seoul mehrere Endhaltestellen in verschiedenen Stadtteilen, sodass man aufpassen muss, in welchen Zug man einsteigt. Und dann bin ich gefahren, eine ganze Weile, einmal planmäßig umgestiegen und habe trotz undeutlicher Anfahrtsbeschreibung des Hostels, dennoch das Hostel auf Anhieb gefunden. Ich bin ja so gut :-)

Untergekommen bin ich im Bebop-Guesthouse, in dem Jonathan auf mich gewartet hatte. Jonathan studiert auch an der SEU in Nanjing, wohnt auf meinem Gang im Wohnheim und hat eineinhalb Jahre in Seoul gelebt. Ich kann das Hostel wirklich empfehlen. Es ist recht neu und sauber, eine der billigsten Varianten in Seoul, relativ gut angeschlossen an die U-Bahn (10 Minuten zu Fuß) und im Studentenviertel der Hongik-Universität in Hongdae gelegen. Aber vor allem fühlt man sich dort verdammt wohl. So wohl, dass ich dort den ganzen restlichen Nachmittag verbracht habe und nichts getan habe. Am ersten Abend bin ich alleine auf Essensuche und habe zufällig ein chinesisches Restaurant erwischt. Da konnte ich die Speisekarte wenigstens lesen :-)

Nachdem ich ausgeschlafen hatte, machte ich mich auf zum Gyeongbokgung, einem der Paläste und traf auf dem Weg dorthin eine Japanerin aus dem Hostel, die dort auch hinwollte. Schon die U-Bahnstation war thematisiert. Am Eingang des Palastes stehen Wachen, die, als wir dort ankamen, ihre Wachablösung hatten. Hier bekommt man wenigstens ohne geld zu bezahlen schon was geboten. Nach der Show kauften wir uns die Eintrittskarten und schauten uns das Palastgelände an:

Haltestelle Gyeongbokgung Haltestelle Gyeongbokgung Gyeongbokgung Haupteingang Gyeongbokgung Palastwache
                                                                                                                            Palastwachenwechsel
                                                                                                                            dabei sind Japanerinnen doch schon so klein
                               Anna und Ich
                                      

Das Gelände des Palastes war wirklich riesig, aber irgendwie war es auch etwas langweilig. Die Restaurationen sind wirklich gut, aber irgendwie sah jedes Gebäude gleich aus. Im Sommer, wenn die Wiesen grün sind und die Landschaft und Gärten etwas prächtiger sind, macht es sicherlich mehr Spaß. Wir entschieden uns einen Kaffee zu trinken und dann wollte Anna, die Japanerin, sich mit jemandem treffen. Ich zog also allein weiter und ging zu einer der beliebtesten Einkaufszonen, namens Insadong. Auf dem Weg dorthin schaute ich mir noch ein Kloster, namens Jogyesa, an.

Ich schlenderte vor mich hin und kam an einem künstlichen Fluss vorbei, hab auch ne Kirche gesehn (Es gibt in Seoul wirklich viele Kirchen) und hab mich irgendwie verlaufen. Irgendwann kam ich dann an einem Markt an, in dem fast nur Essen verkauft wurde. Es tut mir im Nachhinein leid, dass ich nicht die Fleisch‑, Wurst‑ und Speckschwartenberge fotografiert habe, sondern nur eines der leckersten Gerichte Asiens Tteokbokki

Das aß ich auf einer beheizten Holzbank sitzend, während links von mir auf Augenhöhe ein paar gekochte Schweinefüße in den Fleischberg eingebettet waren. Nun neben dem eben Genannten, konnte man auch koreanische Pfannkuchen in verschieden Farben und Formen und diverse Sorten von Kimchi kaufen. Man konnte auch eine ganze frittierte und panierte Flunder am Spieß kaufen, also alles, was das Herz begehrt. Aber da die Reisknödel in Paprikasoße ziemlich satt gemacht haben, konnte ich mich gerade noch zurückhalten einen Schweinfuß auf einmal zu verschlingen und bin etwas weiterspaziert, bis ich mich verlaufen habe und dann irgendwie am Dongdaemon ankam, wo ich dann in die U-Bahn gestiegen bin.

Das Kloster Jogyesa bei Insadong                                Im Inneren wurde gerade eine veranstaltung gehalten
Insadong Insadong Wenns mal wieder brennt Seoul bei Nacht
offensichtlich Kirche Spezialitätenmarkt Tteokbokki Dongdaemun  

Am nächsten Tag aß ich mit Jonathan, einer Deutschen aus dem Hostel und ihrer Freundin koreanisches Barbecue (Bulgogi). 90 % der koreanischen Restaurants sind Barbecue-Restaurants, daher hat sich dort eine ganz eigene Kultur entwickelt. Man muss normalerweise mindestens für 2 Personen bestellen. Bei 4 Personen bekamen wir 4 große Fleischstücke unterschiedlich mariniert, die man auf einem Grill, der in den Tisch eingelassen ist, grillt. Die Kellnerin übernimmt das Grillen für gewöhnlich, wenn nicht so viele Gäste da sind. Dabei wird das Fleisch, nachdem es durch ist, mit einer Schere in kleine Stücke geschnitten. Wie in allen koreanischen Restaurants gibt es dazu eine Auswahl an Beilagen (Banchan), zu denen Kimchi, eingelegter Rettich, Kartoffelsalat, Fischmehlpfannkuchen, etc. zählen, wie auch speziell für das Barbecue diverse Dips, Soßen und Salatblätter, in die man die gedippten Fleischstücke einrollt und isst. Von den Beilagen darf man sich für gewöhnlich so oft nachholen, wie man möchte. Schade, dass es so wenig koreanische Restaurants in Deutschland gibt, denn die koreanische Küche hat echt leckere Sachen zu bieten. Was in China sehr berühmt ist als koreanisches Gericht ist Dolsot Bibimbap. Das ist Reis mit diversem Gemüse, einem Ei und einer Paprikapaste im heißen Steinpott. Das klingt jetzt ziemlich langweilig, schmeckt aber hervorragend und ist freilich mit Fleisch modifizierbar. Das ganze gibts auch kalt ohne Steinpott, doch dann ists ein bisschen langweiliger. Ein weiteres Standardgericht ist Gimbap, die koreanische Version von Maki-Sushi.

Nach dem Essen gingen wir (ohne Jonathan) in ein Freilandmuseum eines koreanischen altertümlichen Dorfes (Namsangol Hanok Village). Wir haben auch so hippe „Fotografier mich beim Springen“-Bilder gemacht.

koreanisches BBQ Bulgogi Jonathan                                Elisa das mittelalterliche Dorf
                                                                                             Hüpf mal! - *Klick* Auf die Plätze, Fertig, Los!
                                      

Samstags war ich dann auf dem Konzert, das der ursprüngliche Grund für meine Reise nach Seoul war: Final Fantasy Distant Worlds, in dem Musikstücke des Komponisten Nobuo Uematsu, der diese Stücke für die Videospielreihe Final Fantasy komponiert hatte, von Chor und Orchester unter der Leitung von Arnie Roth inszeniert werden. Es war einfach toll und hat sich gelohnt, auch wenn es mich ärgert, dass ich die Karte vorbestellt habe und die Standardüberweisungsgebühr von Deutschland nach Korea etwa genauso teuer war wie das Ticket an sich, da das Konzert logischerweise auch nicht ausverkauft war.

Abends hatte Jonathan das Gefühl, dass ich zu wenig von Seoul gesehen hätte und dass wir unbedingt nochmal überall hin müssten. So waren wir in einer anderen Einkaufsstraße in Insadong, auf dem Soul Tower, der sich wirklich lohnt, und an diversen anderen Plätzen der Stadt, wo man abends ausgehen kann. Im Seoul Tower hat man eine atemberaubende Aussicht auf Seoul, leider durch Glasscheiben und noch „leiderer“ abends durch Glasscheiben, die die zu starke Beleuchtung der Aussichtsplattform innen spiegeln.

Sonntags fuhr ich mit der Deutschen gemeinsam zum Flughafen. Der erste Shuttlebus, der uns zum Flughafen bringen sollte war leider schon voll besetzt. Ich dachte dann, wenn das noch ein paar mal so ist, dann kommen wir wohl nie zum Flughafen. Das wäre nunmal das Los, wenn vor der eigenen 7 andere Stationen liegen und an dieser Station soviele Leute warten, dass man damit einen halben Bus füllen könnte. Doch der zweite Shuttlebus war fast leer und so gings zum Flughafen. Im Flughafen gab es eine traditionelle koreanische Aufführung in einem Teeladen.

Distant Worlds Konzert Distant Worlds Konzert Distant Worlds Konzert Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower
Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower
Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower Blick vom Seoul-Tower Schland! Toilette mit Aussicht
                               Flughafen Seoul      

Mat am Mittwoch, 3. März 2010

Bevor ich mit dem Reisebericht weitermache muss ich mich nur einmal kurz darüber aufregen, dass in China einfach nichts auf Anhieb funktioniert. Das hat im Gegensatz zu allen anderen Sachen, für die man nur Glück benötigt, überhaupt nichts mit Glück zutun. Es ist daher die Regel, und diese ist absolut: „Wenn man etwas möchte (Amt, Bank, Post, etc.), was auch nur ansatzweise aus der Reihe fällt, dann gehts nicht, auch wenn es gehen müsste.“ Jedoch, wenn man lang genug diskutiert, denn Diskutieren macht ja Spaß (genauso wie Gräten im Fischgericht, oder Knochen und Knorpel im Gulasch), kann man das, was vorher noch völlig unmöglich war, möglich machen. Es geschehen somit geschätzt eine halbe Millarde Wunder in China pro Tag. Manche davon in 5 Minuten, manche davon in 10 und manche dauern sicherlich über eine Stunde. Nun wage ich zu behaupten, dass sich die Auftrittshäufigkeit des einzelnen Falls antiproportional zur benötigten Diskussionszeit verhält. Da Chinesen unergründliche Wesen sind, die man mit westlicher Logik (ich erinnere: das chinesische Wort für Logik wurde aus dem Westen importiert) nicht beschreiben kann, kann man auch keine westliche Logik anwenden um meine Behauptung zu beweisen. Nichtsdestotrotz war nun heute der Fall, dass ich mit meiner Notfallvisakarte, die von Visa extra für Notfälle und daher ohne PIN ausgestellt wird, am Schalter der zweitgrößten Chinesischen Bank kein Geld ausgezahlt bekam, obwohl mir das von den Visa-mitarbeitern zugesichert wurde, dass man das kann. Ohne PIN kann man nun kein Geld vom Automaten ziehen, man hat jedoch immernoch die Kartennummer und die Sicherheitsnummer (geschweige denn von meinem Perso und Reisepass als Absicherung), mit denen man im Internet alles bezahlen kann. Ich bin mir auch sicher, dass ich Geld bekommen hätte, wenn ich lange genug diskutiert hätte, was nach meiner These mit der Seltenheit meines Falles in dieser Bankfiliale wohl 5 Stunden und 3 Nervenzusammenbrüche und infolgedessen mindestens 5 Stunden meines wertvollen Lebens gekostet hätte. In Deutschland werde ich künftig zu schätzen wissen, dass die Leute in der Regel Ahnung von ihrem Job haben und bei Komplikationen oder Spezialfällen nachfragen, anstatt von Anfang an zu sagen, dass es nicht geht.

Prost! Achso Happy New Semester to me :-)