Dies ist die Geschichte von 2 jungen Recken namens Matthias und Maik, die in der ehemaligen größten Stadt der Welt Hangzhou (杭州) ihr Glück finden wollten. Gerüchten zufolge soll Marco Polo selbst dort gewesen sein und sie als die schönste Stadt der Welt betitelt haben. Grund genug einmal eine Reise zu wagen, besonders wenn das Reich der Mitte in der jetzigen Form ihr 60jähriges Bestehen feiert. Und das dürfen natürlich alle Chinesen, mit „alle“ seien nur die Beamten und Büroangestellten bezeichnet, mit freien Tagen feiern, in denen man doch auch mal die schönsten Städte Chinas besuchen kann. Und so machten wir uns entgegen allen Warnungen auf den Weg, begleitet von Millionen von anderen Chinesen.
Freitags um 12 : 30 wollten wir die Fahrt antreten. Ich war nur am Abend vorher wieder mal im Scarlet, bin da auch ziemlich lang geblieben und dachte ich könne ja die Nacht durchmachen. Im letzten Beitrag sieht man die Resultate dieses vergeblichen Versuchs, betrunken und übermüdet einen guten Eintrag zu verfassen. Alles kämpfen und beschäftigen half nichts. Ich legte mich für knapp 2 Stunden aufs Ohr, um dann völlig übermüdet die Hotelreservierung auszudrucken und mit Sack und Pack zur U-Bahnstation zu laufen. Dort traf ich mich mit Maik, der glücklicherweise etwas zum Essen eingekauft hatte, und wir fuhren zum Bahnhof. In China funktioniert das an den Bahnhöfen so ähnlich wie an den Flughäfen. Man muss seine Fahrkarte am Eingang das Bahnhofs vorzeigen und bekommt sein Gepäck kontrolliert. Danach setzt man sich in eine Wartehalle mit verschiedenen „Gates“ und wartet auf das „Boarding“. Wenn das Gate geöffnet wird geht man zum Bahnsteig, an dem der Zug fährt und meist schon bereitsteht, wobei wieder die Karte kontrolliert wird. Im Zug wird dann gegebenenfalls das Ticket nochmals kontrolliert. Wenn der Zug ankommt und man aussteigt, muss man zum Ausgang gehen, der meist nicht mit dem Eingang übereinstimmt. Dort wird dann wieder das Ticket kontrolliert und man hat in der Regel eine Zone mit wartenden Taxis. Was die Kontrolle der Karten angeht, wird nur wirklich im Zug kontrolliert. Alle anderen Kontrollen sind aufgrund der Menschenmassen eher flüchtig. Die großen Bahnhöfe haben meist mehrere Stockwerke, wobei oben oft der Eingang ist und unten der Ausgang. Dies spiegelt den chinesischen Kontrollzwang wieder und resultiert darin, dass man mindestens auch 20 Minuten bevor der Zug losfährt am Bahnhof sein muss. Wir hatten genug Zeit und saßen in der Wartehalle, wo ich von Maik ein Brötchen mit Bohnenpaste aß. Das erinnerte mich vom Geschmack sehr stark an eine Marzipanschnecke, also überraschenderweise gut. Wir fuhren mit einem Expresszug, dessen Route über Shanghai verlief, was die Strecke etwa verdoppelt. Der Zug war Top. Er war ziemlich neu und gut klimatisiert. Also zu gut klimatisiert für meinen Geschmack. Ich versuchte mich vor dem Erfrieren zu retten, indem ich mir einen Pulli anzog, den ich glücklicherweise mitgenommen habe. Maik hat mich deshalb aber das ganze Wochenende aufgezogen. Dafür wurde er aber von kleinen chinesischen Kindern, die hinter uns saßen, ständig in die Seite gezwickt. Mit den Ausländern kann mans ja machen.
In Hangzhou angekommen, nahmen wir dann ein Taxi und ließen uns zum Hotel fahren. An diesem Punkt muss ich mich mal schnell über HRS in Köln aufregen. Über deren Service habe ich ein Hotel buchen wollen. Für das erste, welches wir uns ausgesucht haben, kam einen Tag später eine eMail, dass das Hotel kein Partner mehr von HRS sei, aber dennoch im Angebot von ihnen vorhanden war. Also buchten wir ein anderes, dessen Adresse nur auf Englisch verfügbar war. HRS gab den Ort des Hotels auf der Karte mit Innenstadt von Hangzhou an. Ich dachte: „Super!“ Die Realität war aber nicht „Super!“. Der Taxifahrer konnte mit der Adresse nichts anfangen, sodass er im Hotel anrief um die Adresse zu bekommen. Und dann fuhr der Taxifahrer, und fuhr, und fuhr, und fuhr. Das Hotel lag irgendwo außerhalb in einem Neubaustadtteil. Die Reservierung war auch nicht getätigt worden. Wir bekamen dennoch ein Zimmer und freuten uns über sehr viel Luxus am Arsch der Welt für nur 15 € pro Nacht.
Und so machten wir uns auf, um die Lebensqualität im Hangzhouer Exil zu erfahren. Es war eigentlich echt schön aufgemacht. Alle Bäume waren irgendwie beleuchtet, alles war noch bunter und es war auch alles recht schick angelegt.
Im Gegensatz zu anderen Neubaugebieten, hatten sie hier wenigstens eine Einkaufsstraße mit einer großen Einkaufshalle. Erstaunlicherweise waren sehr viele junge Leute unterwegs und ich wunderte mich, warum bei den Menschenmassen so wenig alte Leute vorhanden waren. Irgendwann fanden wir dann auch mal ein Restaurant, in dem es sehr gutes Essen gab.
Am nächsten Morgen suchten wir einen Bus, der uns in die Stadt bringen sollte. Maik war bei der Taxifahrt aufgefallen, dass wir eine Buslinie (B1) immer wieder überholt hatten. Und so suchten wir eine Haltestelle für diese ominösen B1-Busse, indem wir den vorbeifahrenden Bussen folgten. Wir fanden dann eine Bushaltestelle, die komplett umgittert war und an deren Eingang es ein Drehkreuz gab. Ein Männlein in einem kleinen Kabuff passte auf, dass man auch fleißig die 3 Yuan bezahlte, bevor man durchging. Das ist also die Lösung, wenn eine Stadt keine UBahn hat. Leider hatten wir keinen Sitzplatz, während wir die 45 Minuten in die Stadt fuhren. Dafür konnten wir uns über das Busfernsehen erfreuen, in dem Verkehrsunfälle zwischen 2-Radfahrern und 4-Radfahrern gezeigt wurden, natürlich zur Abschreckung. Da wurden noch und nöcher Rollerfahrer von Autos angefahren und ich musste jedesmal sagen, dass die Schuld eindeutig bei den Rollerfahrern lag. Man muss schon etwas lebensmüde sein, wenn man versucht quer über eine Kreuzung zu kommen, obwohl man eigentlich rot hat. Für Deutsche ist das schwer vorstellbar, aber in China kümmern sich nur die Wenigsten um die Ampelfarbe, vor allem nicht die Radfahrer.
Wir stiegen dann irgendwo in der Innenstadt aus und wollten zum Bahnhof gehen. Auf dem Weg wollten wir auch was mampfen. Nur fanden wir weit und breit kein Etablissement, abgesehen von Mc Donalds, KFC und Burger King, und waren schon völligst verzweifelt und ausgehungert, ich zumindest, bis wir eine Fußgängerzone fanden. Dort gabs auch eine kleine Bude mit mäßig gutem Essen. Etwas weiter südlich füllte sich die Fußgängerzone mehr und mehr, bis man sich nurnoch durchquetschen konnte. Zufälligerweise sind wir also zur Altstadt-Fußgängerzone gekommen.
Und dann standen wir an diesem Kanal. Wir hatten keine Orientierung mehr, es war schon Nachmittag und wir mussten immernoch zum Bahnhof um Rückfahrtickets nach Nanjing zu besorgen. So nahmen wir ein Taxi, das um 2 Ecken fuhr und uns am Bahnhof rausließ. Das hatte sich ja fast nicht gelohnt, aber der Taxifahrer freute sich, da man für die ersten 3 Kilometer pauschal 10 Yuan bezahlt. Am Fahrkartenschalter war die Hölle los, und die letzten 5 Leute vor uns wurden abgespeist, dass es keine Karten mehr gibt. Nach Nanjing gabs zum Glück noch Zugtickets. Diese waren weniger als halb so teuer, wie die Hinfahrttickets. Dafür waren diese auch nicht für einen Expresszug. Nun malten wir uns die schlimmsten Szenarien aus, aber kein Verdruss, die Hauptattraktion von Hangzhou wartete noch auf uns: Der West-See (西湖 Xī-Hú). Dorthin zu kommen ist recht einfach: Man muss einfach nur nach Westen gehen. Es gibt zudem auch keinen Ost‑, Nord‑ oder Südsee, an den man fälschlicherweise geraten könnte. Nur hatten wir keine Ahnung wo der Westen liegt und wir stiegen in einen Bus, der eine Station anfuhr, die übersetzt West-See-Straße hieß. Wir stiegen dummerweise eine Station zu früh aus, weil das auch nicht ganz so einfach ist die Stationen zu zählen und man das Stationenansageband sowieso nicht versteht. Wir freuten uns, dass wir wieder in der Fußgängerzone von vorher standen. Nun aber kauft Maik eine Stadtkarte von Hangzhou und fluchs waren wir am Xī-Hú 西湖. Es war auch gar nicht so viel los:
Wir kauften uns für schlappe 45 Yuan Fährtickets um auf eine Insel im See zu fahren.
Die Insel mit dem hübschen Namen „3 Seen spiegeln den Mond“ (sān tán yìn yuè 三潭印月) besteht aus einem Außenring, einem See in der Mitte und darin wieder ein Inselchen mit einem Pavillon. Zu dem Pavillon führten mehrere Brücken. Also eigentlich ganz idyllisch, wären da nicht so viele Besucher gewesen. Die Krönung waren jedoch die Ramschverkäufer, die kleine Pfeifen verkauften, mit denen man Vogelzwitschern simulieren konnte. Natürlich hatte jedes chinesische Kind eine solche Pfeife gekauft bekommen. Aber nicht nur jedes chinesische Kind, sondern auch jedes zweite chinesische Jungpärchen hatte eine solche. Nun kann man sich vorstellen, dass die Pfeifen auch verwendet wurden; Besonders gerne, wenn man daneben stand. Und so wurde die Insel durch den Donnergroll der Plastikpfeifen in den Vorhof der Hölle verwandelt. Merke: Oropax mitnehmen!
An dieser Stelle sei zu erwähnen, dass wir Westler für die Chinesen eine größere Attraktion darstellten als der West-See. Wir stehlen allem die Schau, einfach durch unsere Anwesenheit. Da wurde überall schnell die Handykamera gezückt und ganz unauffällig ein Foto gemacht. Manchmal wurde man sogar gefragt, ob man ein Foto von uns machen könne. Dieser besonders nette junge Mann, war auch einfach damit zufrieden, dass er auf einem Foto mit uns drauf ist, ohne es selbst zu besitzen. Ich habe auch kurz damit geliebäugelt diesen Blogeintrag „Superstars in Hangzhou“ zu taufen. Ist aber blöd, daher habe ich das gelassen. Ich bin halt noch auf dem Boden geblieben und muss euch, den Lesern, nicht auf die Nase binden, wie toll wir und vor Allem ich bin.
Wenn man also einmal den Duft: „B-Prominenz in der Kölner Innenstadt“ schnüffeln möchte, dann muss man nur zu den chinesichen Feiertagen nach Hangzhou fahren.
Wir verließen auch bald die Insel und fuhren mit Fähre zum Damm, der einen kleinen Teil im Westen des Sees vom See abtrennte. Besonders schön fand ich, dass die Fähren mit „Pleasure Boats“ ins Englische übersetzt wurden.
Und so begingen wir den Damm, und sahen wie schwimmende Scheinwerfer geschleppt wurden. Die Westseite des Sees war tatsählich idyllisch, weil hier keine „Pleasure Boats“ rumfuhren.
Der Eintritt zu einer ganz bekannten Pagode kostete 40 Yuan. Das fanden wir etwas teuer. Dafür führte aber auch eine Rolltreppe zur Pagode hoch, dass man ja nicht den Berg besteigen musste. Trotzdem entschieden wir uns dagegen und wanderten an der Pagode vorbei.
Im Dunkeln ist die Seepromenade noch schöner. Alles ist schön beleuchtet und das Wetter war auch toll zum Laufen. Etwa da, wo wir Mittags am See angekommen sind, wurden abends Lampignons verkauft, die man anzünden und aufsteigen lassen kann. Das sah sehr schön aus. In Deutschland wurden diese ziemlich schnell verboten, nachdem an Silvester mehrere Dachstühle in Brand gesetzt wurden.
Wir suchten noch etwas um Abend zu essen und entschieden uns kurzerhand für das goldene M, weil das leichter zu finden ist, als etwas Chinesisches. So gegen halb 9 fuhren wir dann zurück zu unserem Hotel. Zumindest war das unser Plan. Da machte uns aber die Buslinie einen Strich durch die Rechnung. Denn auf dem Rückweg bog die Linie eine Haltestelle vor der, an der wir Mittags eingestiegen waren, ab und fuhr 2 Blocks parallel die Straße entlang, in der wir unser Hotel hatten. Ganz optimistisch wollten wir nach der Endhaltestelle wieder zurückfahren und dort aussteigen, wo wir uns auskannten. Leider schmiss der Busfahrer alle an der Endhaltestelle raus und der Bus endete ohne Rückfahrt. Es folgte eine einstündige Wanderung zu unserem Hotel. Es war aber sehr interessant, denn dieses Neubaugebiet besteht zu 90 % aus Schulen und den zugehörigen Studentenwohnheimen. Es standen da ganze Parks an 15-stöckigen Hochhäusern gespickt mit 8m² Appartements, in denen man Stockbetten sehen konnte. Es war alles niegel-nagel-neu, aber auch sehr erschreckend. Eine Studentenfabrik, in der Samstag Abend nach 11 kein einziger Laden mehr aufhat. Die Busse in und aus der Innenstadt fahren auch nicht länger als 10 Uhr. Wir kamen auch an einer Straße vorbei, die aussah, als hätte man vor längerer Zeit einfach aufgehört zu bauen. Die Häuser sind alle fertig, nur die Straße ist nicht geteert und die Promenade nur zur Hälfte gepflastert, wobei ein Großteil der rumliegenden Pflastersteine zerbrochen waren.
Am nächsten Morgen versuchten wir zum Bahnhof zu kommen und nahmen dafür wieder die B1. Dem Busfahrplan, der natürlich nur innerhalb der Bushaltestelle einsehbar war, zu urteilen, gab es eine Expresslinie, die am Bahnhof vorbeifuhr. Es stellte sich nur heraus, dass die Line in der Nähe des Bahnhofs Haltestellen hatte, aber nicht daran vorbeifuhr. Knappe 15 Minuten Fußweg erwartete uns noch, bis wir dann am Bahnhof ankamen. Unser Zug war etwas älter, die Sitze etwas unbequemer und alles in allem etwas kleiner. Zum Glück hatten wir noch einen Sitzplatz, denn in China werden auch Stehplätze im Zug verkauft. Wir bereiteten uns auf schreckliche 12 oder mehr Stunden Zugfahrt vor. Wir hatten auch weder was gefrühstückt noch etwas zum Essen dabei. So kaufte ich mir irgendwann nach 6 Stunden ein überteuertes, nicht schmeckendes Mikrowellengericht und eine halbe Stunde später kamen wir ganz überraschend in Nanjing an. Ich stand zwischen Wehmut und Freude, denn einerseits war ich glücklich, dass die Zugfahrt um war, andererseits hat sich das teure Essen gar nicht gelohnt.
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