Es war Samstag und zugleich schönes Wetter. Ein Umstand, der in Deutschland so häufig auftritt wie Schnee an Weihnachten. Grund genug das Lernen mal wieder sein zu lassen und auf die schlechten, regnerisch nassen Tage, im metaphorischen Sinne anzustoßen. Ich wollte etwas die Stadt erkunden, bzw erst einmal etwas Historie schnuppern. Ich fragte Maik, ob er mich begleiten würde und er hatte zufällig frei. Also machten wir uns auf den Weg zur alten Stadtmauer. Teile von dieser sind über die ganze Stadt verstreut, und wenn man den Tafeln im Ausstellungsraum der Stadtmauer glauben schenkt, war sie die längste in ganz China … sogar länger als die Stadtmauer in Peking. Es sei angemerkt, dass die Stadtmauer von Peking nicht der großen Mauer entspricht. Ein begehbarer Teil von dieser direkt in der Nähe des Campus wurde unser Ziel. Dafür mussten wir einen kleinen Berg überqueren, der Vorläufer für den etwas größeren „Lila Berg“ ist und auf dem ein buddhistischer Tempel steht, von dem behauptet wird, die Quelle des buddhistischen Vegetarismus (vielleicht auch des Vegetarismus an sich) zu sein.
Der kleine Berg ist als Park angelegt, welcher auch sehr schön ist, nur anfangs bekommt man schon die schlagkräftige Kombination aus chinesischer Feng-Shui-Romantik und Styropor ins Gesicht gedrückt. Eine Berglandschaft, scheinbar aus einem Gemälde entsprungen, schönheitsoperiert, um dem urbanen Chinesen Natur in die Stadt zu bringen. Meiner Meinung nach ein großer Griff ins Klo. Ähnlich ästhetisch wie Fototapete. Aber seht selbst:
Etwas weiter oben am Berg war dann alles recht natürlich angelegt, eine geschwungene gepflasterte Straße, gesäumt von Bäumen. An einer Stelle hingen ganz viele Vogelkäfige in den Bäumen, natürlich mit Vögeln drin. Ich kann nicht genau sagen, warum die da hingen. Einer der Nachtwächter aus dem Wohnheim, mit denen ich und Chinh abends ab und zu plaudern, meinte, dass oft alte Leute zum Sonnenauf‑ und –untergang mit ihrem Vogelkäfig in den Park gehen. Sie lauschen dann den Gesängen ihrer Vögel, die zur Dämmerung besonders schon singen sollen. Ich finde das klingt sehr romantisch … auch wenn die Vögel wahrscheinlich gar nicht singen, sondern bitterlich weinen, weil sie in dem kleinen Käfig eingesperrt sind, während ihre Kollegen draußen rumfliegen können und die eingesperrten wohl verhöhnen. Alles unter dem Deckmantel schöner Vogelgesänge.
Irgendwann kamen wir dann an der Stadtmauer an. Leider war das Tor, das nach einer Treppe die Stadtmauer zugänglich machen sollte, zugemauert. Untermalt wurde das noch durch eine gespannte Wäscheleine zwischen den beiden Außenmauern, der Mauer.
Hier gings also noch nicht rauf. Wir waren aber direkt am buddhistischen Tempel, den man von hier aus auch nicht betreten konnte, weil wir auf der Hinterseite der Anlage waren:
Nach einem kurzen Gang entlang der Mauer, gab es eine Durchfahrt und auf der anderen Seite dieser Durchfahrt war dann endlich der Aufgang zur Stadtmauer. Auf einer kleinen Wiese gegenüber des Aufgangs waren ein paar Menschen, die ziemlich gekonnt mit etwas spielten, was ich als Diabolo kennen gelernt habe. Was es aber von den mir bekannten Diabolos unterscheidet, ist, dass die Rotationsachse wie ein Kreisel senkrecht verläuft. Dazu kommt noch, dass die Dinger anfangen zu brummen und zu pfeifen, je schneller man sie in Bewegung bringt. Der Mann auf der rechten Seite des Bildes ist gerade dabei das Ding um sich rumzuschleudern, während er sich selbst um die eigene Achse dreht. Für dieses Hobby muss man schwindelfrei sein, aber es macht definitiv was her.
Nun folgen ein paar Bilder von der Stadtmauer und vom (hin und wieder) schönen Panorama der Stadt Nanjing.
Ein riesiger See inmitten des nördlichen Teils der Stadt. Die Inseln würden künstlich erweitert und verbunden. Im Hintergrund sieht man den Hauptbahnhof.
Hier zu sehen die Pagode des Buddhistischen Vegetarier Mekkas, leider im Gegenlicht
Wunderschöner Workoutpark auf dem Hausdach
Ein anderer Tempel mit einer Pagode
Maiks UFO, eigentlich der Nanjing Sun-Palace, ein riesen Schwimmbad, dessen Preise sich mit den deutschen messen kann
Kurz vor Ende der Stadtmauer, die roten Luftballons sind der Agricultural Carnival, von dem noch die Rede sein wird.
Seeroseninvasion
Ein kleines Preview vom Agricultural Carnival … das tollste was es zwischen Himmel und Erde gibt, also fast. Ich beschloss auf der Mauer, dass wir uns mal angucken, was da bei den roten Luftballons so tolles zu sein scheint. Es war eine Art Messe für die lokalen Landwirte und Hersteller von Naturprodukten, nebst Karussellen für die lieben Kinder. Besonders toll war die Dinosaurier-Erlebnis-Bahn, bei der Kinder in UFO‑ähnlichen Gefährten durch die Wildnis eines kleinen Wäldchens fahren und möglichst bunte Dinosaurier mit imaginären Laserwaffen beschießen können. Bei jedem Schuss ertönt aus den Lautsprechern ein möglichst lautes Lasergeräusch. Und damit das alles nicht so langweilig ist, war inmitten dieses Blitzgewitters eine wilde Bestie in Form eines kleinen Hundes angeketten. Dieser Hund hatte keinen Respekt vor seinem treusorgendem Herrchen, welches er sofort anfiel, als dieser ihm Fressen geben wollte. Das Futter unbeachtend wusster er gar nicht in welche Richtung er zuerst bellen sollte und schwebte in der Gefahr sich vor lauter Panik selbst zu strangulieren. Ein echt trauriger Anblick.
Natürlich gabs da auch ganz viele Straßenhändler, die alles mögliche an Schnickschnack anboten. Ich war überrascht wieviel Schnürsenkelverkäufer es gibt, die nichts anderes als Schnürsenkel verkaufen. Noch überraschter oder schockierter war ich, welche Wasserqualität die Kanäle in dem Park hatten, in dem da „Karneval“ gefeiert wurde. Kostprobe gefällig:
Man beachte wie man das Wasser verwenden kann um Hecken auf unkomplizierte Art und Weise zu stutzen, und mit welcher Geradlinigkeit!
Dieser wunderschöne Tümpel trennte den Verkaufsteil vom Ausstellungsteil, auf dem gar wunderbare Sachen zu besichtigen waren. Unter anderem gab es dort verwelkte Blumen und Erdnussträucher, eine Armada von ausgestopften Tieren und mit Plastikseegras versehen Aquarien mit echten noch lebenden Fischen drin.
Der Simpsonfisch
Diese armen Tieren lebten noch, als wir sie sahen. Aber sie klebten kopfüber an der Sauerstoffdüse und bewegten sich nicht von dieser weg. Das sah nicht gesund aus.
Danach verließen wir den Ort des Grauens und fanden uns auf einer der größten Kreuzungen, die ich jemals gesehn habe:
Im Hintergrund kann man den „Lila Berg“ sehen, an dessen Fuße wir uns befanden. Wir gingen einfach mal an der Nordseite des Sees weiter und fanden den Nanjing-Sun-Palace, sowie den Eingang zu nem weiteren großen Park (zumindest glaube ich das), die Auffahrt zur Stadtautobahn, eine Messehalle und den Ort an dem alle Busse nachts wohnen.
Hier kann man zwei Hochhäuser bewundern, auf deren Fassade animierte Werbetafeln zu sehen waren. Ich weiß nur nicht mehr welche von den leuchtenden Punkten das war. Da ärgert man sich schon, dass man nur eine Handykamera hat. Der See hat eine wunderschöne Uferpromenade mit einem romantischen Blick auf den See und die Großstadt, die im Dunkeln bunt funkelt. Aber das haben die Chinesen auch schon längst erkannt, und so muss man sich früh um einen Parkbank-platz bemühen, wenn man das romantische Spektakel nebst 20 Mitromanikern betrachten möchte. Wenn man Pech hat bekommt man nur die Bänke die der Promenade den Rücken kehren und einen Blick auf eher nicht so anschauliches bieten. Wir kamen an einem Hotel vorbei, auf dessen Parkplatz mehrere Batterien von Feuerwerk standen und ne Knallfroschkette als irgendein Schriftzeichen angeordnet lag. Wir sahen ebenfalls etwas, das von Außen aussah wie ein Freibad. Leider ist die Freibadsaison in China schon vorbei, obwohl es nach deutschem Ermessen noch warm genug ist. Aber eigentlich wollten wir endlich beim Bahnhof ankommen um wieder in die Südstadt zu kommen. Wir sind doch schon recht weit weg von den Gefilden, in denen ich mich auskenne.
Als wir dann am Bahnhof ankamen war es nach 19 Uhr. Wir sind so etwa 4 Stunden nun gewandert, nun war U-Bahnfahren angesagt. U-Bahnfahren in Nanjing hat schon was an sich. Nanjings U-Bahn ist noch ziemlich neu. Es existiert zurzeit nur eine Linie, aber es wird an 2 neuen gerade gebaut. Als Einmalfahrer muss man sich an den Automaten einen Chip ziehen, auf dem gespeichert ist, von wo nach wo man fahren möchte, denn Chinesen lieben die Kontrolle. Um auf den Bahnsteig zu kommen hält man den Chip an ein kleines Törchen, was einem dann den Eintritt gewährt. Aber man sollte den Chip ja nicht wegwerfen, denn beim Rausgehen am gewünschten Bahnsteig wird der Chipa dann benötigt. Bei besagten Toren ist auch ein Schlitz, in den man dann den Chip werfen muss, dass sich das Tor für die öffnet. Die U-Bahnwagons waren von innen sehr schick und neu, aber gesäumt von Hinweisschildern. Ich habe leider nicht alle fotografiert. Aber was mir in Beijing am Flughafen schon aufgefallen ist, dass man bei den Rolltreppen von einer netten elektronischen Dame, die wahrscheinlich in der Rolltreppe wohnt, gesagt bekommt, dass man sich ja bitte am Geländer festhalten solle. Schaut, worauf die UBahn-gesellschaft hinweist:
Zu „nicht spucken“, sei zu sagen, dass es bis vor kurzem üblich war, egal wo man sich befindet, seinen Nasen‑ und Racheninhalt zu entleeren, also auch in Häusern und öffentlichen Transportmitteln. Ich habe es aber bisher nur mitbekommen, dass das auf der Straße gemacht wird.
Ich entnehme aber den Hinweisschilder auch, dass Chinesen wohl immer und überall irgendwo drauf klettern. Auch das kann ich bisher nicht bestätigen und ist nur eine vage Vermutung
Nachdem wir zu Abend gegessen haben, sind wir noch in die Stadt, weil Maik nen mp3-Player kaufen wollte. Dabei kamen wir an dem Reklame-Hochhaus vorbei, das wir von der anderen Seite des Sees gesehen haben. In einem riesen Kaufhaus, im 6. Stock, der nicht so leicht zu finden war, weil der Aufzug nur bis zum 4. ging und die Rolltreppe vom 4. zum 5. keine Fortsetzung in den 6. hatte, schauten wir uns wegen dem mp3-Player um. Hier mal ein paar Bilder von namhaften chinesischen Marken, wie AEApple oder oPod, die High-End Produkte zu gar lächerlichem Preis raushauen *g*
Ein AEPod-Shuffle mit 4GB für nur 20 €uronen
Ein iDictionary-Touch mit Rabatt für 90 € (nur ein digitales Wörterbuch)
Der geniale PSPod zum Abspielen von MP4 für nur Schlappe 70 €
Ich wundere mich etwas, warum solche Klasse produkte und Marken nicht in Deutschland existieren. Dann könnte sich sogar Ralf einen oPod-Touch leisten. Maik kaufte dann ein iPod-Nano-Plagiat mit 4GB, auf den Testbericht dazu wird noch gewartet. Danach dachten wir, wir könnten noch was trinken und fanden eine lustige Süßigkeiten-Fruchtsaftbar, die es hier eigentlich zu Hauf gibt und bestellten ziemlich wahllos, weil wir die Sachen auch nicht lesen konnten. Ich bekamm eine seltsame Kaltschale, mit weißem geschmacklosem Schleim und schwarzem Mohn. Das schmeckte eigentlich ganz gut. Maik hatte ein Fruchtsaftgemisch, aber ich weiß nicht genau, was da alles drin war. Vielleicht wollen wir das auch gar nicht wissen:
Danach saßen wir noch ein bisschen in der Stadt rum, als auf einmal ein Mann bei uns rumlungerte und knapp 5 Minuten sich nicht traute uns anzusprechen. Er wollte ein Foto von _uns_ machen. Er zog ein vergoldetes Handy raus und brauchte eine halbe Ewigkeit bis er das Handy dazu brachte ein Foto zu machen. Dann wollte er von uns, dass wir die asiatische Lieblings-Fotopose machen. Zeige‑ und Mittelfinger zum Ⅴ gespreizt und aufgesetzt lächelnd, warteten wir eine halbe Ewigkeit, bis das Foto gemacht war. Er zeigte mir das Bild und ich war als verschwommener grüner Schatten darauf zu erkennen. Maik war nicht auf dem Bild. Dann wurde die Sache auf einmal skurril. Er wollte, dass ich mich auf ein Bein stell, dabei in die Hocke ging, das andere Bein auf meinen Oberschenkel lege und die Hände falte. Keine Ahnung warum, aber ich tat wie er es wollte, und nach 2 Wadenkrämpfen war das Foto endlich gemacht. Der Chinese mit dem Goldhandy war aber noch nicht zufrieden. Nun wollte er, dass ich mich in den Gongbu stelle mit der Handkante nach vorne. Etwa so:

Das war mir dann zu blöd und wir sind gegangen. Ja als erkennbarer nicht Asiate, ist man für manchen Chinesen so etwas ähnliches wie ein Animator mit Tierkostüm aus nem Freizeitpark. Man soll ständig Fotos mit wem machen, bekommt blöde Nachrufe wie: „Guck mal, ein Ausländer!“, man bekommt aber auch oft was ausgegeben oder Zigaretten angeboten, denn eine Zigarette kostet nicht soviel wie ein Getränk. Es war dann eh schon spät und wir gingen Heim.







Freitag, 25. September 2009 um 08:17 |
Super Bericht. Endlich hast mal was von der Stadt berichtet. Sehr geil fand ich ja die Stelle mit der Ästhetik einer Fototapete und das oPod Touch. Aber warum machst du eigentlich Bilder mit dem Handy? Kauf doch mal ne Marken Spiegel-Reflex Kamera von Canen oder Fuju.
Freitag, 25. September 2009 um 08:28 |
Hallo Matthias, super Bilder – schönes Wochenende Gruß Die Familie